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Bist du irre, das aufzugeben?

Warum ich meine sichere Stelle gekündigt habe – obwohl auf dem Papier alles dagegen sprach



Zwei leere Gartenstühle vor einer Wand als Symbolbild für ein vertrauliches Vier-Augen-Gespräch
Manchmal fühlen sich Entscheidungen gar nicht gut an - bloß richtig.


Du sitzt bei fadem Kaffee im Büro deine Zeit ab, es ist Sommer, die Kolleg*innen sind im Urlaub. Genau in solchen ruhigen Momenten fangen die Gedanken an zu wandern. Vielleicht denkst du über deinen nagelneuen Yoga-Lehrerinnenschein nach und die Kurse, die du gern geben würdest. Vielleicht hast du nebenher die Ausbildung zur systemischen Beraterin gemacht und denkst an die eigene Praxis. Vielleicht bist du Logopädin und würdest gern freiberuflich arbeiten. Vielleicht arbeitest du in der Kita und hast dieses eine Projekt im Kopf, mit dem du zeigen willst, dass Kita auch anders geht.

Und dann schüttelst du das schnell wieder ab und ziehst weiter durch.


Aber was, wenn's klappt?


Als ich vor ein paar Jahren tatsächlich meinen Job gekündigt habe, kam von meinem kompletten Umfeld ungefähr dieselbe Reaktion: Bist du irre? Du hast eine unbefristete Stelle. Bei einem Arbeitgeber, der dich wegen deiner familiären Situation nicht rauswerfen wird und dir deswegen auch nicht aufs Dach steigt. Du hast ein Kind mit Schwerbehinderung. Du bist selbst gesundheitlich ziemlich angeschlagen. Und ausgerechnet jetzt gibst du diese Sicherheit auf?!

Berechtigte Frage, ehrlich. Und die Entscheidung kam auch nicht von einem Tag auf den anderen. Aber wie habe ich mich denn schlussendlich durchgerungen?

Da spielten alte Träume mit rein, die ich mich nie getraut habe zu verfolgen. Und neue Erfordernisse, die mit der Elternschaft dazu kamen. Jahrelang hatte ich für jeden meiner Träume einen guten Grund, warum gerade jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist. Mir fehlt die Erfahrung. Mir fehlt noch die Infrastruktur. Mir fehlt - irgendwas fehlte immer.


Vollzeit-Theater


Was ich aber auch gelernt habe, in den Jahren im Büro: dieses Vollzeit-Ding ist zu großen Teilen Theater. Vierzig Stunden im Büro heißt nicht vierzig Stunden Arbeit. Es heißt überspitzt: Du arbeitest in Teilzeit, und die andere Hälfte machst du den privaten Kram, den du eigentlich von Zuhause aus erledigen würdest - nur kannst du das nicht, weil du ja hier im Büro sitzen musst. Weil irgendwer gesagt hat: du sitzt hier, dann bezahl ich dich.

Performative Vollzeit kennen alle, die selbst in Teilzeit wechseln und überrascht feststellen: Ich schaffe genauso viel wie vorher, aber was habe ich dann vorher in Vollzeit getrieben? Ach ja, mein Job war einfach entspannter und weniger anstrengend.

Irgendwann rechnet man durch und stellt fest: Würde ich nach Output bezahlt werden, nicht nach abgeleisteter Zeit, würde sich das für mich vielleicht mehr lohnen.

Ich konnte die performative Freizeit irgendwann einfach nicht mehr spielen. Nicht aus Prinzip. Sondern weil mein Zuhause mir keine Zeit mehr ließ, so zu tun, als ob. Die Idee, 40 Stunden gegen einen gewissen Betrag zu tauschen, geht für mich schlichtweg nicht auf. Ich habe manchmal nur 20 Stunden im Monat! Manchmal dann wieder 4 Tage die Woche. Nicht planbar. Ungeeignet für die Anstellung, wie soll sich so jemand ins Team einfügen? Aber eben gut geeignet, um im Sprint-Verfahren die Ergebnisse einer halb-rumgestandenen Vollzeitstelle in Teilzeit wegzuschaffen.


Vollzeit muss man sich leisten können


Ich habe ein Kind mit Behinderung, Pflegegrad 4, das aus gesundheitlichen Gründen nicht zur Schule geht. Nicht für eine Woche, ich meine so generell. Kein Schulbesuch. Ferienbeginn heißt bei uns: nichts ändert sich, außer dass alle, die dafür bezahlt werden, sich um mein Kind zu kümmern, jetzt weg sind. Wir Eltern machen allein weiter. Nach den Ferien gehen wir fix und fertig ins Büro zurück und hören uns an, wie erholt die anderen sind.


Kipppunkt wie im Groschenroman


Der Punkt, an dem's bei mir endgültig gekippt ist: ein lange geplanter Toskana-Urlaub, den ich verkürzen musste, um mich ins Büro zu setzen. Weil dort halt jemand sitzen muss. Und ich saß dort, allein, unnötig. Niemand rief an, keine Mails kamen. Das System Büro wollte aber, dass da jemand sitzt. Und weil das so hanebüchen bescheuert ist, habe ich genau an einem solchen Tag entschieden: Nä. Ich mag jetzt echt nicht mehr.

Denn was man auch ungeschönt festhalten muss: In Teilzeit wird man nicht unbedingt befördert. Sicher an meiner ach-so-sicheren Stelle war also höchstens, dass sich nichts ändert, während ich immer genervter werde.

Meine Oma, pragmatischer als der Rest der Familie, geriet nicht in Panik, als ich gekündigt hab. Auch sie fand es riskant, aber: „Wenn's nicht klappt, suchst du dir eben wieder Arbeit im Büro." Danke, Oma. Genau das war der Punkt. Wenn's nicht klappt, tue ich das.


Aber was, wenn's klappt?


Manchmal ist geplante Unsicherheit das einzig tragfähige Modell. Wenn du selbst nichts planen kannst - weil dein Leben das nicht hergibt - brauchst du einen Ort, an dem nicht dauernd Planungssicherheit von dir erwartet wird.

Heute mache ich Workshops nur noch zu Terminen, an denen ich wirklich Zeit habe. Und ich performe richtig gut dabei, weil die Tageszeit eben nicht egal ist.

Trotzdem sage ich für meinen Geschmack zu oft ab. Nicht immer wegen Katastrophen, manchmal einfach, weil ich mich übernommen habe. Denn wenn mein Partner ausfällt, fehlt sofort eine Vollzeitkraft in Pflege, Haushalt und Organisation gleichzeitig. Ich muss dann meine Erwerbsarbeit niederlegen, damit wir Essen und Wäsche haben, so einfach ist das. Und andersrum gilt das für meinen Partner natürlich genauso. Aber parallel noch Zeit im Büro absitzen - nein.

Das hier ist also keine Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte. Kein Text darüber, wie ich alles riskiert hab und am Ende reich und frei und glücklich wurde. Es ist der Weg von Vollzeit zur Teilzeit zur Freiberuflichkeit. Mehr Freiheit, ja - aber auch: kein Urlaubsgeld, keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, keine Kolleg*innen, die mal einspringen. Anderer Lifestyle, nicht einfach. Aber eben auch schamlos stricken während des Nachdenkens. Wirklich anziehen, was man will. Frei sprechen, nicht mit der Organisation im Hinterkopf. Auch das ist viel wert.

Und ich will dir auch nicht erzählen, dass es sich lohnt, mutig zu sein, und am Ende wird alles gut. Ich habe immer noch furchtbare Angst. Aber ich kann inzwischen einfach nicht mehr anders, als diesem Scheißtraum zu folgen - einfach weil irgendwann alle anderen Optionen vom Tisch waren.

Also was, wenn's klappt? Das weißt du sowieso erst hinterher.

Falls du gerade an einem ähnlichen Punkt stehst und Lust hast, das mal in Ruhe zu wälzen - nicht mit jemandem, der dir BWL-Bullshit erzählt, sondern mit einem echten Gegenüber, das weiß, wie sich sowas wirklich anfühlt: dafür gibt's das Vier-Augen-Gespräch.





Und: ich schreib ab und zu einen Newsletter, wenn's tatsächlich was Neues gibt - keine Regelmäßigkeit, kein Spam. Falls du wissen willst, wie's bei mir weitergeht: trag dich gern ein.



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